Bürokratie

Eine Seite zum Lachen und Weinen: Hier finden Sie Berichte aus dem Alltag eines Selbständigen, in der alltäglichen Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn der Bürokratie. Kein Bereich meines täglichen Lebens ist dermaßen entfremdet dem gesunden Menschenverstand wie die Begenung mit den Bürokraten in Behörden, Verwaltungen, aber auch Schreibtischtätern in anderen Betrieben. Allen ist gemeinsam: Sie sehen die Verwaltung nicht mehr als Mittel zum Zweck (des täglichen Erwerbslebens), sondern als Selbstzweck. Und in diesem Sinne wird die Bürokratie nach besten Kräften und gegen jeden Sinn für Wirtschaftlichkeit ausgeweitet: Kein Bürokrat wird nämlich nach Leistung, also Produktivität, bezahlt, sondern nur nach Anwesenheit, und deren Notwendigkeit gilt es durch Vervielfältigung der Aufgaben zu rechtfertigen. Aber lesen Sie selbst: 

 

 

Februar 2017 - BG Lohnnachweis

Zum Jahresanfang müssen die Unternehmen ihrer Unfallversicherung die Jahreslohnsumme des Vorjahres melden. Bereits seit Jahren steht dazu ein online-Verfahren zur Verfügung, das zwar etwas holperig ist, aber läuft.

 

Nun hat man sich ein neues Verfahren ausgedacht, welches in die regelmäßigen monatlichen Abrechnungsverfahren integriert sein soll. Also eigentlich eine Verbesserung - und das geht natürlich nicht. Das muss doch komplizierter zu machen sein! Geagt, getan - das neue Verfahren soll ab 2017 paralell zum alten Verfahren laufen, also zusätzlich! Über mindestens zwei Jahre muss ein und derselbe Meldevorgang auf zwei verschiedenen Wegen ausgeführt werden.

 

Für sowas fehlen einem fast die Worte. Wie stümperhaft muss man planen, um von vornherein davon auszugehen, dass es über zwei Jahre fehlerhaft laufen wird? Wie unprofessionell ist es, diese Zusatzbelastung ganz selbstverständlich auf die Betriebe abzuwälzen, anstatt eine eigene Qualitätssicherung wenigstens zu versuchen? 

 

 

28.10.2016 - Ein Antrag auf Verkürzung der Ausbildung

Der Antrag auf Verkürzung der Ausbildung, den ich für eine unserer Auszubildenden bei der Handwerkskammer gestellt habe, kommt unbearbeitet zurück. Mit einer typisch deutschen Begründung: Im Prinzip genehmigt, aber weil falsches Formular/Verfahren gewählt wurde: abgelehnt.

 

Sie muss nun "vorzeitig zur Prüfung gemeldet" werden, das ist bitteschön was anderes als die Ausbildung zu verkürzen.

 

 

31.8.2016 - die monatliche Lohnabrechnung

Eigentlich keine große Sache: Die Stunden auf den Stundenzettel der Mitarbeiter addieren, mit Stundenlohn multiplizieren - fertig ist der auszuzahlende Lohn des Kollegen. Bei Empfängern von Gehalt/Ausbildungsvergütung sogar noch einfacher, das bleibt oft über Monate gleich.

 

Tja, wenn das so einfach wäre - nur Lohn zahlen! Gleichzeitig ist der Arbeitgeber aber auch dafür zuständig, sich um eine ganze Reihe von sehr privaten Versicherungen der Kollegen zu kümmern: Krankenversicherung, Pflege- Rente- und Arbeitslosenversicherung, nichts davon darf hierzulande ein Arbeitnehmer eigenverantwortlich verwalten. Die Firma muss dafür Sorge tragen, dass Beiträge gemeldet und entrichtet werden, obwohl dies doch alles sehr intime und persönliche Angelegenheiten der Versicherten sind. Was geht es mich als Chef an, bei welcher Versicherung die Kollegin ist, wieviele (halbe oder ganze) Kinder beim Mitarbeiter auf der Steuerkarte stehen, überhaupt welcher Anteil ihres Enkommens ihnen nach Vorsorge und Steuern zur Verfügung stehen? Bin ich ihr Pappa oder warum muss ich ihnen das Kindergeld auszahlen wie Teenagern das Taschengeld? Wieso wird ausgerechnet vom Arbeitgeber diese entmündigende Bevormundung der Menschen verlangt, wieso nicht von ihren Seelsorgern, dem Dorflehrer, dem Bürgermeister oder der Hebamme, die den Menschen ins Leben gehoben hat (war ein Scherz! Wollte diesen Berufen nicht noch mehr Bürokratie aufbürden!)? Selbst den Beitrag zu seiner Religionsgruppe (Kirchensteuer) darf hierzulande kein Mensch selbst verwalten.

 

Das sollte heutzutage mal jemand neu einführen wollen, dass ein Außenstehender, gar der pöse Arbeitgeber, in Dinge der Gesundheit oder Religion dermaßen Einblick nimmt, das verwaltet und die Finanzen regelt - ein Aufschrei in Sachen Datenschutz würde durchs Land gellen! Aber es war schon immer so und ist deshalb gut so.

 

Klar muss ein Arbeitgeber für die Risiken gerade stehen, die ein Arbeitsplatz bietet - das tut er aber ohnehin, die Berufsgenossenschaft trägt er zu 100 % (obwohl die Notwendigkeit der Existenz eines Arbeitsplatzes nicht zu 100% aus dem Sehnen des Arbeitgebers begründet ist...)

 

So verbringen wir im Lohnbüro Monat für Monat ermüdende Stunden damit, die immer komplizierter werdenden Regeln bei den verschiedenen persönlichen Versicherungen unserer lieben Mitarbeiter anzuwenden und für sie ihre Versicherungsbeiträge, Lohn- und Kirchensteuer zu errechnen und für sie zu bezahlen.   

 

 

24.8.2016 - Vorfälligkeit

Die sogenannte "Vorfälligkeit" steht an. Eigentlich müssen ja zum Monatsende die Lohnabrechnungen erstellt und daraus dann die Abgaben bezahlt werden, Lohnsteuer und Sozialversicherung.

 

Nun muss aber die Sozialkasse mit ihrem Budget so wirtschaften, dass sie sechs Wochen Deckungsreserve hat. Etwa um 2005 sah es dann jedoch mal wieder finster aus: Ende des Monats standen die monatlichen Zahlungen der Sozialkassen an, dann wäre der Topf fast leer gewesen, und die Beiträge der Arbeitgeber kämen erst nach dem Monatswechsel wieder rein: Alarm, die vorgeschriebene Deckungsreserve von sechs Wochen ist in Gefahr!

 

Statt echter Sanierung verfiel man nun auf einen netten Trick: Sollen die Arbeitgeber doch bitte "einfach" schon ein paar Tage vor dem Monatsende schätzen, was sie zum Monatsende an Löhnen zahlen, und die eigentlich erst dann fälligen Sozialbeiträge vor dem Monatsende an die Kassen überweisen! Dann sind die nämlich glatt um einen Monatsumsatz flüssiger!

 

Was sich wie ein schräger Witz liest wurde dann tatsächlich in Gesetzesform gegossen. Seither dürfen alle Arbeitgeber zweimal im Monat Lohnabrechnungen machen: Eine geschätzte Lohnabrechnung um den 23. herum - jetzt bitte Sozialbeiträge vorab zahlen! Und nur eine Woche später dann die richtige Lohnabrechnung samt einer Differenzrechnung zur vorhergegangenen Schätzung. Was für ein Aufwand!

 

Mittlerweile ist das Defizit der Kassen nicht mehr so hart an der Grenze der Legalität wie damals, und es gibt nun schon gar keinen Grund mehr, auf der "Vorfälligkeit" zu bestehen. Aber das ist aus Sicht der Kassen noch lange kein Anlass, den Betrieben diesen Mehraufwand wieder zu erlassen. Hat man denn sowas schon mal gehört, dass Bürokratie dazu bereit sein könnte, sich selbst zu verkleinern? Einmal aufgebläht, immer aufgebläht! Andererseits ist das wiederum in seiner Art konsequent: Es war vorher schon gegen jeden gesunden Menschenverstand, das einzuführen, warum sollte man jetzt plötzlich mit dem logischen Denken anfangen? Geht garnicht.

 

 

22.8.2016 - SIAM

SIAM können wir nicht mehr entkommen. Das gesamte Team der Schreinerei (12 Menschen) muss sich einen Tag lang mit sicherheitstechnischen Unterweisungen beschäftigen. Zu jeder Maschine, zu jedem Arbeitsgang, zu jedem Werkstoff muss es einzelne, mündlich vorgetragene Einweisungen geben, die alle den exakt gleichen Inhalt haben: "Passt auf! Tut Euch nicht weh! Seid vorsichtig! Und wenn doch was passiert - geht zum Arzt!!!"

 

Es mag ja sein, dass es Firmen gibt, in denen es kein Sicherheitsbewusstsein bei den Vorgesetzten gibt, und in denen es den Arbeitern wumpe ist, was ihnen passiert, denn die Kasse zahlt ja. Glaubt irgendwer, mit solch formalisierten Unterweisungen, Dokumentationen und Unterschriftsaktionen könnte da etwas bewirkt werden? Bei uns hat es an praktisch keinem Punkt eine Änderung der betrieblichen Einrichtungen und Gewohnheiten gebracht: Sicherheitsbewusstsein gehört für jeden von uns zum professionellen Selbstverständnis, die Schulungen in der Ausbildung sind super und werden auch danach gewissenhaft befolgt. Also brachte uns der Tag SIAM: 8 Stunden Langeweile. Und zunehmende Verständnislosigkeit für von oben verordnete Maßnahmen in Sachen Sicherheit. Und der ausgefallene Umsatz eines Arbeitstages ist in etwa ein Monatseinkommen des Chefs, das motiviert...

 

4.8.2016 - ein kleiner Sieg über einen ganz ganz kleinkarierten Menschen. 

Seit vielen Jahren verlangt der Fiskus, dass bei Bauleistungen über 5.000,- € dem Kunden eine "Freistellungsbescheinigung" vorgezeigt wird - die wird vom Finanzamt ausgestellt und bescheinigt, dass ich ein braver Steuerzahler bin. Die Sinnhaftigkeit sei dahingestellt: Wird einer, der steuerkriminell ist, davor zurückschrecken, dieses simple Blatt getippten Text zu fälschen, um seine Rechnung bezahlt zu kommen? Egal, ich akzeptiere diese Vorschrift und füge größeren Rechnungen auch noch diese Kopie bei.

 

Nun fordern aber manche Hundertfünzigprozentige in der Buchhaltung einiger Baubetriebe zu jeder Rechnung, egal welcher Höhe, diese Freistellungsbescheinigung ein. Ich weise darauf hin, dass man bitteschön doch die Kirche im Dorf lassen und nicht noch mehr Bürokratie und Papierabfall produzieren möge, selbst dem Fiskus sei das doch schon zu viel. Klappt bei manchen, aber bei diesem Buchhalter-Exemplar nicht: Er verweigerte die fristgerechte Zahlung. Nach einer scharf formulierten Mahnung war binnen zwei Tagen das Geld dann doch da. Ein kleiner Sieg.

 

Ja, so einen Menschen in seine Schranken zu verweisen, der als Rädchen im Getriebe versucht, seine Selbstwertgefühl höher zu schrauben, indem er über das notwendige Maß hinaus noch mehr Bürokratie (also: Belastung für andere) erzeugt, das tut erstmal gut. Aber wie hilflos und klein ist das gegenüber der Notwendigkeit, etwas Nennenswertes zu ändern? Die schwache Hoffnung, dass so eine Lusche das nun gelernt hat und beim nächsten Kunden nicht wieder macht, diese Hoffnung hab ich nicht. Zu abgehoben von der Welt der realen Dinge sind solche Bürokrater. Der wird am Abend vielleicht ein Bier mehr getrunken haben und am nächsten Morgen umso verbissener den nächsten Handwerker geärgert haben.

 

 

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© Stefan Hampel

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